„Ich bin politisch“

Dieser eine Satz ist so prätentiös wie inhaltslos. Denn obwohl sich jemand als politisch bezeichnen kann, gibt das noch lange keine Auskunft darüber, in welcher Form sich dieses politische Handeln äußert, noch in welche(r) politischen Richtung sich eine Person bewegt. Anlässlich des Superwahljahrs in Deutschland und der heutigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, möchte ich mich im Folgenden mit dem Begriff des politischen Handelns beschäftigen.

„politisch“ wird im Duden in 2 Bedeutungen untergliedert:
– die Politik betreffend
– zielgerichtet, klug, berechnend [1]

Mit der zweiten Bedeutung kommen wir an der Stelle besser voran, was es überhaupt heißt „politisch“ zu sein. Die Frage, die damit allerdings immer noch ungeklärt bleibt, ist: auf welches Ziel? Um diese zu beantworten, sollten wir uns zunächst eingehender mit dem Begriff „Politik“ auseinandersetzen. Unser heute gebräuchlicher Begriff „Politik“ ist abgeleitet vom altgriechischen politiká und stand bezeichnend für die Tätigkeiten, Gegenstände und Fragestellungen, die das Gemeinwesen – also die Gesellschaft und alle dazugehörigen Mitglieder, Strukturen und Prozesse – betrafen. So in etwa kann der Begriff heute immer noch verwendet werden. Allerdings bezieht er sich gegenwärtig vor allem auf die Amtsinhaber*innen unserer staatlichen und überstaatlichen Institutionen. Die daraus resultierende politische Ordnung soll dem Guten und Wohl aller darin lebenden Individuen gelten. Dabei ist ein wesentlicher Punkt, dass es sich beim politischen Handeln nicht nur um die eigenen Befindlichkeiten dreht, sondern über das eigene Selbst und den eigenen Nutzen hinausgeht: für die Gesamtgesellschaft. [3] D.h. somit auch, dass ein jeder Mensch innerhalb dieses Gemeinwesens das Recht hat, sich an der Politik zu beteiligen, seine Meinung zu äußern und für das Gemeinwohl zu streben. Diese Aufgabe kann auf unterschiedliche Weise ausgeübt werden: Wir können uns politisch engagieren – in Vereinen, Parteien, Hochschulgruppen, Netzwerken, privat, auf Social Media, bei Kundgebungen oder Demonstrationen, um nur einige Möglichkeiten zu nennen. Unser politisches Handeln führt sogar soweit, dass selbst die Wahl von Verkehrsmitteln (Auto vs. ÖVM), Einkaufsmöglichkeiten u.v.m. Ausdruck unseres Engagements sind. Die Wahl, für welche Option wir uns entscheiden, wenn wir die Wahl haben – und die haben wir meistens – spricht also auch bereits für oder gegen eine bestimmte politische Haltung.[4] Diese muss jedoch nicht allein das jeweilige Parteienspektrum widerspiegeln, sondern kann sich auch anhand gesellschaftlicher und globaler Problemfelder und Theorien orientieren: Gleichstellung, Feminismus, Tierschutz, etc. Unsere politische Haltung drückt sich in Form von einzelnen Teilgebieten aus, mit denen sich die Politik im Allgemeinen und damit auf Ebene von Bund, Ländern, Kommunen/Kreisen und Städten tagtäglich auseinanderzusetzen hat.

Spätestens John Stuart Mill konnte aufzeigen, dass die Äußerung von Meinungen nicht nur entscheidende Vorteile für unser Zusammenleben hat, sondern dass sich daraus auch das Menschrecht zur freien Meinungsäußerung ergeben muss. Denn nur der Austausch mit anderen sozialen Individuen innerhalb unserer Gesellschaft führt zum Fortschreiten von Kultur. Der Austausch, das Abwägen, sowie die Betrachtung anderer Perspektiven sind ein entscheidender Faktor.[5] Was dabei aber oftmals vergessen wird: Zuhören ist mindestens genau so wichtig. Nur wer seinem Gegenüber aufrichtig und aktiv zuhören, seinen Standpunkt und seine Argumentation verstehen kann, ist überhaupt in der Lage, darauf sinnvoll zu reagieren. Wer für alle Menschen freie Meinungsäußerung fordert, sollte daher auch fähig sein, diese anzuhören. Wie Hannah Arendt in ihrem Essay „Die Freiheit, frei zu sein“ sagt:

Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. Und diese Art von Freiheit erfordert Gleichheit, sie ist nur unter seinesgleichen Möglich. (S. 22) [5]

Eine öffentliche Freiheit entsteht also nur dann, wenn wir uns unserer Gleichheit bewusst sind und dazu gehört auch, andere Meinung anzuerkennen und zuzuhören. Weiterhin sagt sie

Vor allem aber hängt es von subjektiven Eigenschaften und dem moralisch-politischen Erfolg oder Scheitern derjenigen ab, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. (S. 41 f.)

Kommen wir nun auf den Unterschied zwischen „Politik“ und „politisch“ zurück. Während Politik die konkrete Ausübung beschreibt, die unser gesellschaftliches Zusammenleben auf einer staatlichen Grundlage regelt, beschreibt das „Politische“ die Erscheinungsform dessen. Das „Politische“ ist sozusagen ein „übergeordnetes Bestimmungskriterium und Bedeutungsmaß der konkret praktizierten Politik“, heißt es bei Elif Özmen (S. 15). [3] So könnte man also sagen, dass die Bürger dem Politischen die Bedeutung, das Maß und die Kriterien zuordnen, auf deren Basis die Politik ihre Entscheidungen trifft.
Eine gewisse Diskrepanz entsteht allerdings dadurch, dass sich Menschen, um einen Standpunkt in einer Debatte oder einem (politischen) Konflikt sinnvoll einnehmen zu können, erstmal mit der betreffenden Thematik auseinandersetzen müssen. Dafür ist es notwendig, verschiedene Perspektiven einzubeziehen, um sich aus der Übersicht der Argumente, eine eigene Meinung herauszubilden, die man anschließend vertreten kann. Diese Auseinandersetzung, das Abwägen und Diskutieren kommen aber – insbesondere auf Social Media – stetig zu kurz. Wir werden z.T. überrollt, von einem Konflikt auf den anderen und werden kontinuierlich aufgefordert, Stellung zu beziehen. Wer Reichweite hat, solle sie nutzen, wer Beiträge schreibt, soll sich politisch korrekt ausdrücken und sich immer auf dem Laufenden halten. Aber wie ist das möglich? Wer genau bestimmt, was wir als „politisch korrekt“ erachten? Darüber entscheidet meistens der Staat und/oder etwas schwammiger: die Öffentlichkeit. Durch meist jahrelange Debatten und Forschung kristallisieren sich bestimmte Begriffe und Redewendungen, sowie Definitionen heraus, die wir in unseren Sprachgebrauch aufnehmen. Schwierig wird es nur dann, wenn trotz dieser Einigungen konträre Begrifflichkeiten angewandt werden, die aus den unterschiedlichen politischen Lagern resultieren. So werden beispielsweise Änderungen hinsichtlich des Namens „(Welt-) Frauentag“ gefordert. [6]


Für weiterhin schwierig halte ich die Zusammenschlüsse politisch aktiver Menschen, die sich darauf berufen, aus unterschiedlichen Perspektiven Thematiken anzugehen, die uns alle betreffen. Aus aktuellem Anlass möchte ich nachfolgend ein aktuelles Beispiel von Instagram erläutern:
Darunter fällt das kürzlich auf Instagram aufgetretene Kollektiv #klartexten. Es besteht aus 8 Mitgliedern, die Teil der sogenannten Bookstagram-Community sind (zu deutsch: eine Gruppe von Menschen, die auf Instagram über Bücher schreibt), und zu der ich ebenfalls gehöre. Das Kollektiv hat es sich zur Aufgabe gemacht, Themen außerhalb unserer Bubble zu besprechen und aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Was also zunächst wie eine großartige Idee klingt, verkommt allerdings ziemlich schnell zu einer reinen Selbstdarstellung. Es hätte so gut werden können. Denn obwohl die Meinungen der Kollektiv-Teilnehmer*innen durchaus verschieden sind, bezüglich der Frage, ob sich auf Instagram durchweg aktiv politisch geäußert werden soll, beinhalten alle von ihnen dieselbe Grundmeinung: Ja. Dieses „Ja“ bezieht sich auf die Fragestellung, ob Triggerwarnung, also der Angabe besonders schwerwiegender Themen wie sexuelle Gewalt, Depression, Tod oder ähnlichem, welches in den besprochenen Büchern und Beiträgen auf Instagram, notwendig sind. Dieses „Ja“ bezieht sich auch auf konkrete Äußerungen und Stellungnahme gegenüber Rassismus, Feindlichkeiten jeglicher Art, Sexismus u.v.a. Das sind gute und wichtige Punkte, über die wir hoffentlich heute nicht mehr nachdenken müssen, weil wir ihnen grundlegend zustimmen. Wir müssen immer wieder auf Hass, Feindlichkeit und Diskriminierung, auf den falschen Umgang miteinander, genau so wie toxische oder falsche Darstellungen hinweisen. Das ist eine wichtige Botschaft. Die Crux der Geschichte ist allerdings das „Wie“. Aber die Bookstagram-Community beschäftigt sich stetig mit diesen Themen: immer mehr setzt sich die gegenderte Sprache – zumindest innerhalb der Bubble – durch und festigt sich, während immer mehr Triggerwarnungen Postings einleiten und auf missverständliche Wortwahl und unkorrekte Sprache aufmerksam gemacht wird. Weiterhin ist es jeder Person selbst überlassen, inwiefern sie sich auf IHREM Account mit genannten Themen auseinandersetzt, sich ausdrückt, Beiträge einleitet und welche Bücher und Autor*innen sie teilt, liest und supportet.
Meiner Meinung nach vertreten die Parteien des Kollektivs keine verschiedenen Perspektiven. Aus eigener Erfahrung mit einigen Mitgliedern dieser Gruppe kann ich sagen, dass es oftmals nur um das Festigen und Bestätigen des eigenen Standpunktes geht. Personen, die andere Ansichten anbringen, kritische Fragen stellen oder andere Meinungen äußern, werden u.U. ignoriert, angefeindet und gelöscht.* Es geht nicht um das Beleuchten einer breiten Meinungspalette. Wie sollte das auch möglich sein, wenn sich Menschen zusammenschließen, die alle aus einer ähnlichen Gesinnungslage heraus handeln? #Klartexten möchte Klartext reden. Möchte endlich mal alle Fakten auf den Tisch knallen, möchte laut sein und ihre bzw. unsere Community wachrütteln.**Das heißt aber auch, dass sie zum einen allen anderen Teilnehmer dieser Interessen-Gruppe absprechen, selbst Klartext zu reden, sich politisch zu engagieren und über Themen außerhalb der Buch- und Literaturwelt zu sprechen. Das heißt auch, dass sie sich auserkoren haben, die Wahrheit über uns zu bringen, wenn man es einmal so überspitzt zum Ausdruck bringen will. Dahinter steckt keine kritische Auseinandersetzung oder die Betrachtung verschiedener Perspektiven. Das Kollektiv gehört eher in die Kategorie „Selbstbeweihräucherung“ und gegenseitigen Support, sowie den Ausbau der eigenen Reichweite. Denn wenn es wirklich um politisches Engagement gehen würde, dann wäre auch eine Toleranz gegenüber ANDERER politischer Meinungen gegeben. Sich politisch zu äußern impliziert nämlich nicht, dass alle die gleichen Werte, Ansichten und Einstellungen teilen. Diese Ansichten spiegeln sich auch unter den #klartexten-Beiträgen wider: der überwiegende Teil schreibt unterstützend, supportend und zujubelnd. An sich eine gute Sache, aber leider wird dadurch die eigentliche Diskussion, um die es ja anscheinend gehen soll, irgendwie zur Nebensache und geht unter (Stand: 06.06.21). Zumal unter anderem auch der Vorwurf aufkam, dass sich die Mitglieder in ihre eigene bequeme Bubble zurückgezogen haben, in der nur ihnen entsprechende politische Ansichten repräsentiert werden, sodass gar kein Austausch entstehen kann. Dieser Theorie würde ich mich anschließen.
Da die Gruppe noch am Anfang ihres Projektes steht, bleibt offen, wie sich das Format in Zukunft weiterentwickeln wird. Ich hoffe sehr, dass ein differenzierter Austausch weiterhin das Ziel bleibt. Auch das Hinterfragen und Erläutern eigener Werte und das Aufzeigen von Alternativen würde ich weiterhin begrüßen und könnte dadurch ein wichtiger Beitrag für die Buchcommunity werden.

Politisch zu sein bedeutet also nicht nur, aktiv und offen Stellung zu beziehen, sondern sich auch mit anderen (politischen) Haltungen und Meinungen auseinanderzusetzen, zuzuhören und insbesondere es auch auszuhalten und zu akzeptieren, dass Menschen einer Gesellschaft unterschiedlicher Ansicht sind. Nur durch Toleranz und Akzeptanz – ausgenommen gegenüber Menschenfeindlichkeit und Verletzung der Würde – können wir in einen ernsthaften Austausch finden und uns als Gemeinschaft und kulturell weiterentwickeln. Es ist jedem einzelnen Individuum selbst überlassen, wann und wo er seine politischen Ansichten zum Tragen bringt. Die Auseinandersetzung ist wichtig. Aber ein unentwegter Kampf in jeder Lebenslage bringt nicht voran, sondern lässt und müde, überfordert und ratlos zurück. Denn, wie bereits erwähnt, ist eine politische Haltung zuerst durch einen Prozess gekennzeichnet. Und keiner kann uns dazu zwingen, uns mit bestimmten Themen zu beschäftigen, bestimmte Haltungen einzunehmen oder uns für andere stark zu machen. Ja, Politik und Gesellschaft gehen uns alle an, und auch die Frage, wohin wir uns gemeinsam weiterentwickeln wollen. Aber das gibt anderen noch lange nicht das Recht, übereinander zu bestimmen. Achtsamkeit und Zuhören sollte das A und O in unserem Austausch sein. Und nicht Kampf, Wut und Bevormundung.

Abschließend noch ein paar Worte von Hannah Arendt:

Denn während Gewalt, die man der Gewalt entgegensetzt, zu Krieg führt, zu zwischenstaatlichem Krieg oder zu Bürgerkrieg, führte ein gewaltsames Vorgehen gegen die sozialen Verhältnisse stets zu Terror. Terror statt bloße Gewalt, Terror, der losbricht nachdem das alte Regime beseitigt und das neue Regime installiert wurde, weiht Revolutionen dem Untergang (…). (S. 34)

*nachträgliche Anmerkung: ich spreche hierbei NICHT von allen Mitgliedern, sondern von einigen wenigen. (15.06)
** nachträgliche Anmerkung: Eine ähnliche Grundhaltung ggü. der Welt halte ich grundsätzlich nicht für falsch oder verwerflich! (15.06)

weiterführende Beiträge

https://sandrafalke.com/2021/06/19/panorama-re-ich-bin-politisch/

Quellen (abgerufen am 06.06.2021)

[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/politisch
[2] John Stuart Mill: „On Liberty/Über die Freiheit“. Reclam Verlag. 2009. ISBN 978-3-15-018536-0 (aus dem Englischen übersetzt von Bruno Lemke)
[3] Elif Özmen: „Politische Philosophie, eine Einführung“. Junius Verlag. 2013. 1. Auflage. ISBN 978-3-88506-069-7
[4] https://www.demokratiewebstatt.at/thema/thema-politisches-handeln/was-versteht-man-unter-politischem-handeln
[5] Hannah Arendt: „Die Freiheit, frei zu sein“. dtv Verlagsgesellschaft. 2018. 7. Auflage. ISBN 978-3-423-14651-7 (aus dem Englischen übersetzt von Andreas Wirthesohn)
[6] https://www.deutschlandfunk.de/feministischer-kampftag-hengameh-yaghoobifarah-es-geht-ganz.807.de.html?dram:article_id=493743

[unbezahlte, unbeauftrage Werbung]

4 Kommentare zu „„Ich bin politisch““

  1. Ganz großartiger Beitrag mit vielen wichtigen Anregungen, ich werde mich bei mir auch zeitnah mit dem Thema beschäftigen und Dich ein wenig zitieren.
    Das ganze #klartexten-Thema ist zwar an mir vorbeigescrollt, ich hatte jedoch – da es eben ist, wie du sagst, man wird von einem Konflikt zum anderen gezerrt – noch keine Zeit, mich damit auseinanderzusetzen.
    TW hatte ich auch mal bei den Montagsfragen besprochen, ggf. wäre das auch für Dich interessant (https://sandrafalke.com/2020/11/23/montagsfrage-101/) – darüber hinaus bin ich auch sehr interessiert, mit jemandem „klarzutexten“, dem wirklich eine multiperspektivische Themenbehandlung am Herzen liegt.
    Lieben Gruß, Sandra

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für dein Feedback zu meinem Beitrag. Dann freue ich mich darauf, deine Gedanken zu dem Thema auf deinem Blog zu lesen!

      Die Monatsfrage zu den TW hatte ich noch gar nicht gesehen. Ich werde sie mir zeitnah anschauen, denn auch das ist ein wirklich wichtiges Thema, vor allem in der Buchcommunity. Generell finde ich auch die Monatsfragen eine gute Möglichkeit solche Themen breit zu besprechen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s