Unterwegs zwischen Büchern und Gesprächen

– Einblicke in die Leipziger Pop Up-Buchmesse 2022

Voller Begeisterung und Vorfreude blickte ich der ersten Leipziger Buchmesse seit den abgesagten Veranstaltungen durch die Corona-Pandemien entgegen. Reservierte so früh wie möglich die Tickets für das ganze Wochenende, nahm mir frei, machte Pläne und Verabredungen. Als dann vor einigen Wochen das endgültige Aus der diesjährigen Messe, aufgrund explodierten Infektionszahlen, bekannt gegeben wurde, war „traurig“ noch nicht einmal annähernd an meiner Stimmung dran.

Wie schön, dass das für viele Verlage allerdings kein Hindernis war, nicht dennoch zum Buchstöbern einzuladen und ihre Neuerscheinungen vorzustellen. Als mich meine Mutter anrief, um mir mitzuteilen, sie hätte zu einer Pop Up-Buchmesse im MDR Kultur eine Ankündigung gehört, setzte ich mich sofort an die Tastatur und begann zu recherchieren. Initiatoren sind Voland & Quist und der Kanon-Verlag. Gemeinsam mit letztlich über 60 Verlagen (Auflistung siehe Link) stellten sie am selben Wochenende, an dem die Messe in Leipzig hätte stattfinden sollen, ihre eigene Messe im Pop Up-Stil auf die Beine. Inklusive Lesungen, Autor*innen-Veranstaltungen und vielem mehr. Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bereits für das Engagement und der Einsatz für ein positives Signal, ein Zusammenkommen und den Support für das gemeinsame Lesen in diesen schwierigen Zeiten.

Meine Eindrücke

Es ist viele Jahre her, dass ich auf einer Buchmesse war – bisher auch nur in Leipzig und in meiner Jugend vor allem wegen der Manga-Comic-Con – dementsprechend aufgeregt war ich. Zumal ich mich auch erst seit 2020 in der Buchblogger*innen-Welt bewege. Da ich auch nicht wusste, was mich genau erwartet, wie der Ablauf der zweistündigen Zeitslots verlaufen würde und wen man so alles trifft.

Für die Messe habe ich ein Ticket am späten Freitagnachmittag und eins für Samstagmorgen erworben. Besser hätte ich es für mich nicht wählen können. Während ich mir am Freitag vor allem ein Bild von den anwesenden Verlagen, dem Aufbau und den vorgestellten Titeln machte und mich mit 2 Kolleginnen traf, konnte ich mich am Samstag gezielt mit einigen Verlagen unterhalten oder diese erst dadurch kennenlernen. Obwohl ich in meiner Kategorie #Vorblättern die Verlagsvorschauen für das kommende Programm lese, schaffe ich es meistens nicht, alle Verlage im Blick zu behalten. Das konnte ich auf der Messe nachholen. Die persönlichen Gespräche vis-à-vis waren nach etlichen Online-Veranstaltungen und E-Mail-Korrespondenzen ein richtiger Lichtblick.

In einer angenehmen Größe versammelten sich tolle Verlage und Menschen, die sich gemeinsam über ihre Liebe und Begeisterung zu und für Bücher austauschten. An jedem Stand wurde ich mit einem herzlichen Lächeln und freundlichen Worten empfangen, auch ohne meine Blog-Identität preiszugeben. Im Getümmel der buchfreudigen Menschen konnte ich mich treiben lassen zwischen all den schönen Neuerscheinungen und habe für mich selbst auch noch einige neue Titel entdecken können. Dazu später mehr.

Spannend war für mich auch, einigen bekannten Gesichtern in real life zu begegnen, die ich bisher nur von Instagram kannte. Für mich ein wirklich surreales Gefühl, da bisherige Veranstaltungen fast ausschließlich nur online stattfanden und ich mich sehr schnell an diese Trennung gewöhnt hatte. Darunter Anne Sauer und Tina Lurz, die für mich spätestens seit dem Monatslese-Podcast zur Herzensempfehlung geworden sind, Frederike vom Instagram-Kanal @afeministshelf und die tollste Blog-Kollegin Sandra von sandrafalke.de (Literarische Abenteuer).

Buchempfehlungen

Obwohl meiner erster Eindruck vom ersten Halbjahr bisher nicht so vielversprechend war, sind mittlerweile einige spannende Titel, vor allem von kleineren Verlagen, hinzugekommen. An den Messeständen hatte ich außerdem die Möglichkeit, die Neuerscheinungen direkt zu begutachten, ohne sie im Laden oder online erst zu suchen. Wirklich fantastisch.

5 Personen aus unterschiedlichen Verlagen habe ich um ihre persönlichen Empfehlungen und ein paar Worten gebeten, die ich euch folgend vorstellen möchte. Alle diese Titel stehen nun auch auf meiner Wunschliste. Am Ende stelle ich dann noch einige Messehighlights vor, die ich bisher noch nicht im Blick hatte.

Die Verlage

ELSTER & SALIS

Der Verlag ist bei mir, um ehrlich zu sein, bisher untergegangen. Umso glücklicher bin ich, dass ich sein Programm und die fantastische Helga Schuster auf der Messe kennenlernen durfte. Aufgefallen ist mir als erstes Thomas Meyers Was soll an meiner Nase bitte jüdisch sein?, welches ich aus der Edition Zeitkritik der Büchergilde kannte.


Helga stellte mir ihren Verlag und einige Titel vor, die mich alle sehr neugierig gemacht haben. Ich bin jetzt schon sehr gespannt auf das weitere Jahresprogramm und ganz besonders auf Der Ursprung der Gewalt, den sie mir empfohlen hat. Bei einem Besuch des Konzentrationslagers Buchwald erkennt Nathan Fabre einen der Inhaftierten auf einem Bild: er hat verblüffende Ähnlichkeit mit seinem Vater, doch soweit er wusste, war dieser nie deportiert worden. Zurück in Paris stellt er Nachforschungen über seine Familie an. Auf der Suche nach der wahren Identität und den Familienverhältnissen, zwischen Gewalt und zwei Ländern.

Fabrice Humbert veröffentlichte den Roman 2009 in Frankreich, welcher sich zu einem Bestseller entwickelte und 2016 verfilmt wurde.

Weitere Empfehlung:
Als Jesus in die Puszta kam von Gábor Fónyad
Mädchen brennen heller von Shobha Rao

FOLIO VERLAG

Mit unseren Büchern führen wir Sie direkt zu unseren Landschaften des Herzens: Südtirol, Österreich, Italien, Südosteuropa – Europa! Dabei begegnen Sie wunderbaren Menschen, Akteuren der Kultur, Vermittlern von Ideen und Ländern. Es sind Menschen und ihre Werke, streitbar und von großer Leidenschaft.

Empfehlung durch den Verlag:
Genau diesen Eindruck erweckte der Verlagsstand bei mir auch, als ich ihn für mich neu entdeckte. Empfohlen wurde mir Tierisch laut: Die wundersame Welt der Kommunikation im Tierreich der Ornitho-login Francesca Buoninconti.

Sie erklärt schön und in wundervoller Sprache, wie Tiere miteinander kommunizieren und zwar nicht nur über Laute. Buoninconti schafft es, wissenschaftliche Fakten verständlich und anschaulich in eine Geschichte zu verweben, sodass das Buch auch für eine jüngere Zielgruppe geeignet ist.

Weitere Empfehlungen:
Middle England von Jonathan Coe
Muttersprache von Maddalena Fingerle

KANON VERLAG

Der Kanon-Verlag gehört jetzt schon zu einem der liebsten meines Jahres. Eine Empfehlung von Ludwig Lohmann, der seit diesem Jahr Marketing und Veranstaltungen im Verlag zuständig ist, habe ich bereits gelesen: Aus unseren Feuern. Rezension folgt! Der Empfehlung kann ich aber nur zustimmen.

Empfehlung von Ludwig Lohmann:
Der Termin von Katharina Volckmer
Aus unseren Feuern von Domenico Müllensiefen

Beide Romane widmen sich der Geschichts-aufarbeitung: mit frischem Blick und voller Humor. Katharina Volckmer widmet sich in Der Termin der Lust, Schuld und den alten Geistern ihrer deutschen Familie, während Domenico Müllensiefen die Wendezeit in Leipzig Revue passieren lässt und nicht nur die Charaktere aus ihren Feuern auferstehen. Beide vereint durch ihre klugen Gedanken zur Thematik.

EDITION NAUTILUS

Empfehlung von Timo Schröder:
Das weiße Denken von Lilian Thuram

Der ehemalige französische Fußballspieler engagiert sich seit sehr vielen Jahren gegen Rassismus, wodurch er nicht nur in Frankreich zu bekannt wurde. Im Buch berichtet er von seinen eigenen Erfahrungen, von Ideen von postkolo-nialen Denker*innen und Philosoph*innen und dem weißen Denken: wie es entstand, funktioniert und bis heute die Deutungsmuster bestimmt. Er appelliert an das Hinterfragen des eigenen Denkens, für Humanität und Solidarität, um uns wieder begegnen zu können. Das Buch ist auch für Einsteiger in den Diskurs geeignet.

VOLAND & QUIST

Empfehlung von Sven:
Freudenberg von Carl-Christian Elze

Der Lyriker erzählt in seinem Debütroman vom 17-jährigen Freudenberg, dessen Leben immer nur von den Entscheidungen der anderen geprägt ist, da er sich selbst und seine Wünsche nicht verständlich machen kann. Im Familienurlaub kommt es zu einer Chance, die er ergreift: Er findet einen Leichnam am Strand, mit dem er spontan die Identitäten tauscht und sein Leben in scheinbarer Freiheit beginnt. In lyrischer Sprachgewandtheit erzählt Elze eine düstere und absurde Geschichte eines jungen Erwachsenen, auf der Suche nach sich selbst und dem Wunsch, ein anderer zu sein.

Meine Highlights

Im folgenden möchte ich meine Neuentdeckungen der Pop Up-Buchmesse vorstellen, die ich bisher noch nicht auf dem Radar hatte. Alle Titel durften mit und ich bin unfassbar gespannt!

„Kork“, „Grenzenlos“ und „Muttersprache“ wurden mir als Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.

Jacinta Nandi: Die schlechteste Hausfrau der Welt (Edition Nautilus)

Beim Blogger-Event von Edition Nautilus und dem Verbrecher Verlag am 15.03.22 hat die Autorin einen Teil aus ihrem im Herbst erscheinenden neuen Roman gelesen. Ich habe mich direkt schockverliebt und musste ihren ersten Roman Die schlechteste Hausfrau der Welt sofort einpacken. Mit viel Humor erzählt sie die authentischen Geschichten einer/ihrer Familie. Sie schafft mit viel Witz, auch traurige/tragische Situationen zu verpacken, sodass sie greifbar und leichter werden.

Während alle über Feminismus, Gender-Pay-Gap und andere hippe Themen reden wollen, bricht Jacinta Nandi das Schweigen über eines der wichtigsten Themen: Hausarbeit und die Unterdrückung der Hausfrauen. Denn die unbezahlte Care-Arbeit von Müttern und Frauen ist immer noch ein weitverbreitetes Problem in unserer und zahlreichen anderen Gesellschaften. Die immer noch starke Rollenverteilung ist das Objekt ihrer Wut.

Sophia Fritz, Martin Bechler: Kork (Kanon Verlag)

„Eine Studentin, Anfang 20, und ein Musiker, Mitte 40, werden auf Umwegen beste Freunde. Mit krassen Geschichten und dem richtigen Wein stehen sie sich bei. Dieses Buch ist der Weisheit letzter Stuss und eine Ode an die Önologie.“

Ihre gemeinsame Bühne: das Weinlokal ‚Bacchus‘ in dem Sophia kellnert, und nie den bestellten Wein serviert, und Martin nach seinen Tourneen versackt.

Maddalena Fingerle: Muttersprache (Folio Verlag)

Sprache kann uns beflügeln und verderben, und eben das ist Paolos Problem. Seine Obsession ist die Sprache, sein Feind die Verdreckung von Worten und die Schein-Zweisprachigkeit seiner Heimat Bozen. Um den Worten, die nicht mehr sagen, was sie sollen, zu entfliehen, bricht er nach Berlin auf, wo er Mira kennenlernt. Sie lindert seine Obsession, zumindest vorübergehend.

Francesca Buoninconti: Grenzenlos (Folio Verlag)

Nicht nur der Mensch ist in den letzten 2 Jahrhunderten verstärkt von Migrationsbewegungen geprägt. In der Tierwelt sind diese Strömungen ein jährlich wiederkehrendes Ereignis. Die Ornithologin verfolgt ihre Routen und widmet sich in diesem Sachbuch der Frage, was diese Wanderbewegungen auslöst und welche Funktion sie verfolgt. Dabei spielen nicht nur Jahreszeiten, sondern auch Überlebensstrategien, der Klimawandel und der Eingriff des Menschen in die Lebensräume eine bedeutende Rolle.

Guy Deutscher: Die Evolution der Sprache (C.H. Beck)

Spätestens seit meinem Studium beschäftige ich mich vermehrt mit den Strukturen der Sprache, ihren Eigenheiten und verborgenen Geheimnissen. Ich bin fasziniert von ihrer Vielfalt, Lauten und Bedeutungen. Deswegen konnte ich auch nicht an diesem Titel vorbei gehen.

Während die Sprache zu ältesten und einer der einflussreichsten Erfindungen der Menschheit zählt, ist seit der selben Zeitspanne immer wieder die Rede von ihrem Niedergang. Welche Kräfte zerren an ihren Rändern und reißen sie hinauf oder hinab? Was hat zur Entwicklung der Sprache unserer heutigen Sprache geführt? Der Autor befasst sich mit den neusten Erkenntnissen der Linguistik und beschreibt unter anderem, welche Alltagsgewohnheiten für den Verfall oder die Festigung von Sprache verantwortlich sind. Denn Sprache ist nicht statisch.

Warst Du auch auf der Pop Up Buchmesse, und wenn ja: Was waren deine Eindrücke? Welche Highlights hast du für dich mitgenommen? Ich würde mich sehr über einen Kommentar darüber freuen!

Einen weiteren Einblick von der Buchmesse und einigen Veranstaltung findest du auch bei Wiebke von meinlesezeichenblog.com in ihrem Beitrag Frühlingszeit ist Buchmesse-Zeit!

Quellen & Rechtliches (abgerufen am 21.03.22)

[1] https://www.folioverlag.com

https://buchmesse-popup.de

einige Lesungen wurden vom Literaturhaus Berlin gestreamt und aufgezeichnet. Diese können auf
https://literaturkanal.tv
oder direkt auf YouTube nachgeschaut werden
https://www.youtube.com/watch?v=P8RzLFtOe7o

Dieser Beitrag ist kein Teil einer Kooperation oder finanziell vergütet. Die Empfehlungen wurden auf freiwilliger Basis durch die Verlagsmitarbeiter*innen getroffen und auch die Veröffentlichung des Bildmaterials. Alle Rechte der Romane und Sachbücher obliegen den Autor*innen und Verlagen.

Die eingefügten Bilder wurden von der Betreiberin dieser Blogseite erstellt.

5 Kommentare zu „Unterwegs zwischen Büchern und Gesprächen“

  1. Danke für eine sehr schöne und ausführliche Vorstellung! Und für das Kompliment 😉
    Tatsächlich war diese kleine feine Buchmesse schon deswegen gut, da auch unter den unabhängigen immer noch unentdeckte Perlen sind, an denen man bei der Menge an Ständen einfach vorbei läuft aufgrund einer Übersättigung von Eindrücken.
    ELSTER & SALIS klingt ja auch richtig spannend, da muss ich auf jeden Fall noch näher recherchieren!
    Lieben Gruß ♥

    Gefällt 1 Person

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