Was bleibt, wenn immer mehr Teile eines Ganzen verschwinden?

Rezension zu Yoko Ogawa’s „Die Insel der verlorenen Erinnerung“

Die japanischen Medien boomen in Deutschland, nicht zuletzt auch in der Literatur. Immer mehr Texte werden ins Deutsche übersetzt – und damit sind nicht nur Mangas gemeint. Der bekannteste Vertreter wird wahrscheinlich heute Haruki Murakami sein, aber auch andere Autor*innen finden immer öfter auch den Weg in deutscher Übersetzung in unsere Bücherregal. Darunter auch die bekannte Gegenwartsautorin Yoko Ogawa.

Ich wage mich gern an Neues heran, vor allem möchte ich immer vielfältiger Lesen und gerne auch den Geschichten aus anderen Ländern, von anderen Kontinenten lauschen. Da mich bereits seit Kinderbeinen an die japanische Kultur fasziniert und viele Spiele und Mangas, sowie Animes in meinem damaligen Kinderzimmer zum Inventar gehörten – das hat sich bis heute nicht verändert. Im vergangenen Jahr hatte ich mich auch an ein paar Bücher aus dem Inselstaat herangewagt, leider aber eher mit durchwachsener Begeisterung. Haruki Murakami (wie bereits in meiner Rezension zu 1Q84 beschrieben) und ich werden zumindest keine Freunde mehr und haben unsere Annäherungsversuche nun endgültig abgebrochen. Weiße Nacht von ??? war nett, aber auch nicht augenöffnen für mich. Letztlich konnte mich nur – und das bereits zum wiederholten Male – Ich nannte ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar richtig abholen und berühren. Eins meiner liebsten Bücher auf Lebenszeit.

Auf der Insel der verlorenen Erinnerung

Wie sieht es aber mit Yoko Ogawa und mir aus? Im vorletzten Büchergilde Gutenberg-Programm zierte Ogawas Roman in seiner Graffiti-Ausgabe sogar das Cover, war Teil des Formats „Büchergilde Weltempfänger“ – und damit auch besonders hervorgehoben. Auch auf Instagram ist es mir schon mehrfach, teils sogar in Profilbildern, aufgefallen. Da ich, wie schon mehrfach auf meinem Blog erwähnt, aber immer etwas skeptisch bin mit Büchern, die an vielen Stellen hochgelobt erscheinen, habe ich mir ein Exemplar in der städtischen Bibliothek besorgt. Lange Zeit lag es unbeachtet auf meinem Lesehocker. Immer wieder angefangen und wieder aufgehört. Vergessen. Mit schlechtem Gewissen wiederentdeckt. Ein bisschen, als hätte ich mich auf die Story vorab schon einmal eingestellt, vorbereitet.

Bibliotheksfund

Erst durch den Vorschlag von Clara, das Buch endlich gemeinsam anzugehen, kam dann erst wieder die Motivation. Glücklicherweise ist die Sprache sehr fließend und die Kapitel zum Einstieg sehr kurz, sodass ich schnell in die Geschichte hinein kam. Allerdings passierte danach nicht mehr wirklich viel. Obwohl sich nach einiger Zeit ein paar interessante Fragen bezüglich der Hintergründe und der Auswirkungen ergaben, entstand für mich keine Begeisterung beim Lesen.

Leben ohne Erinnerung?

Wer die Geschichte noch nicht kennt, dem sei hier der Inhalt in Kürze zusammengefasst. Ich kann nicht garantieren, dass diese Rezension gänzlich spoilerfrei auskommt.

Auf einer Insel – vermutlich im japanischen Raum – verlieren alle Menschen in bestimmten Abständen ihre Erinnerungen an Gegenstände, Lebewesen oder Wahrnehmungen. Beispielsweise kann die Protagonistin bereits in jungen Jahren nichts mehr mit dem Konzept von Düften (z.B. durch Parfüm) anfangen, da sie es nie gekannt hat und auch nicht neu erlernen kann. Wenn die Bewohner auf der Insel morgens aufwachen, wissen sie bereits, dass etwas anderes verschwunden ist. Dabei verschwinden die einzelnen Gegenstände aber nicht einfach wie Schall und Rauch, sondern sie müssen entsorgt werden. Lediglich ihre Beziehung, ihre Empfindung und zum Teil ihre Erinnerung an die Art und Weise der Benutzung gehen verloren. Nach und nach auch die Worte, das Erkennen und letztlich alles, was mit dem Gegenstand zu tun hat. Welche Dinge verschwinden, ist willkürlich und die Bürger haben keinen Einfluss darauf. Wenn ein Gegenstand verschwindet, werden alle dazu aufgefordert, diese eigenständig zu beseitigen. Dabei werden diese meistens verbrannt oder in den Fluss geschüttet/geworfen. (Von den Folgen für die Umwelt wollen wir an der Stelle gar nicht erst anfangen. Das ist auch im Buch gar kein Thema. Wahrscheinlich ist die Erinnerung an ein Umweltbewusstsein auch vorher schon verschwunden.) Dass diese Dinge auch wirklich verschwinden, wird von der Erinnerungspolizei untersucht, kontrolliert und eingefordert. Sie gehen mit der Zeit immer strikter, fast schon skrupellos vor. Die Insel scheint in einer Art (Polizei-) Diktatur zu leben, aus der es kein Entrinnen gibt. Zumindest nicht via Schiff oder Flugzeug. An einigen Stellen erinnern die Prozesse und Strukturen an George Orwells Dystopie-Klassiker 1984.

Als der Verleger der Protagonistin sich ihr gegenüber outet, er gehöre zur Minderheit derer, die ihre Erinnerungen nicht verlieren, beschließt sie gemeinsam mit dem alten Mann, der für sie zu einer Art Familie geworden ist, ihrem Freund zu helfen und ihn vor der Erinnerungspolizei zu verstecken. Ob ihnen das gelingt, und wie sie diesen Plan in die Tat umsetzen, lasse ich an dieser Stelle einmal außen vor.

Fluch und Segen

Wenn die Tage schlecht laufen oder wir verärgert sind, wünschen wir uns oft, dass bestimmte Dinge einfach verschwinden und gelegentlich wollen wir unsere Mitmenschen auch einfach auf den Mond schießen – getreu dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn. Und auch ohne diese aktive Wunschvorstellung, passieren uns diese Momente mehr als nur einmal im Jahr. Es könnte manchmal so schön sein, wenn Steuererklärungen oder Prüfungen verschwinden würden, alles, was einem so oft lästig erscheint. Aber genau so funktioniert es nicht. Auch nicht auf der Insel der verlorenen Erinnerung.

Aus philosophischer und psychologischer Sicht ist es ein enorm spannendes Konzept: Eine Gemeinschaft verliert kollektiv ihre Erinnerung, ihren Bezug zu willkürlichen Gegenständen und wir als Leser*innen können in diesem Gedankenexperiment mitverfolgen, wie sie damit umgehen, was es für das Leben der Inselbewohner bedeutet und wie es dieses beeinflusst. Für mich wäre der Hintergrund des ganzen, die Entstehung, der Einfluss der Erinnerungspolizei und vieles weitere daher von besonderem Interesse. Leider werden genau diese Themen nur in kurzen Abschnitten angeschnitten und die Beleuchtung dann wieder verworfen. Es sind kleine Lichtblitze, die mir beim Lesen Hoffnung auf Informationen machen, aber letztlich werde ich immer wieder enttäuscht.

Es geht im Roman nicht um die Hintergründe oder revolutionäre Pläne, Auflehnungen gegen das System. Die Geschichte handelt lediglich von Bürgern, die vergessen und ihrem Leben mit dem Vergessen. Dabei nehmen die Fragen nach dem Warum? und Wie? so gut wie keinen Raum ein. Weder in den Köpfen der Figuren, noch in der Handlung. Manchmal verfange ich mich in Satzfetzen der namenlosen Protagonistin, die mich zum Nachdenken anregen, die ein leichtes Kitzeln in meinen Gehirnzellen auslösen, mich näher mit dem Vergessen und Erinnern, mit dem Verlust auseinanderzusetzen. 2 Sätze weiter wird dieser Gedanke ins bodenlose geleitet und verliert sich sofort, wird nicht mehr neu ergriffen. Das ist unglaublich schade. Obwohl ich mit wenigen Erwartungen an den Roman herangegangen bin, konnte er mich nicht überzeugen. Es ist mir zu unkritisch, zu flach und fühlt sich auf eine gewisse Weise bedeutungslos an, wenn alle interessanten Aspekte direkt im Sande verlaufen. Auch die Beziehungen und die Motive der Figuren kann ich an vielen Stellen überhaupt nicht nachvollziehen. Warum genau verstecken sie den Verleger? Es ist überhaupt kein Ende in Sicht. Er wird seiner schwangeren Ehefrau und seinem Neugeborenen entrissen, lebt wie ein dankbarer Hund im Käfig und gibt sich mit allem zufrieden. Aber was ist das für ein Leben, eingesperrt bis in alle Tage? Ist das überhaupt noch Leben? Wohin soll das führen?

Auch für die Menschen auf der Insel ist es das natürlichste der Welt, obwohl es sie in vielen Dingen massiv einschränkt. An einem Tag verschwinden die Vögel, später die Briefe. Sie verbrennen, werfen weg und leben weiter, als wäre nichts passiert. Ich frage mich, ob es möglich ist, verschwundene Dinge neu zu erfinden. Oder ob das dadurch obsolet wird, weil dafür gar kein Bedarf mehr da ist, da die Gegenstände keinen Bezugspunkt mehr bilden, nichts mehr auslösen. Aber es ist sicherlich auch belanglos, ob eine Person eine Verbindung zu Briefen hat, sie sind lediglich pragmatischer Natur – ein Kommunikationsmittel. Es fällt mir schwer, dieser Logik zu folgen. Ich bin blockiert, kann mich nicht ganz auf die Geschichte und ihre Wendungen einlassen. Als würde die Autorin nur den kleinen Zeh in den tiefen See der Idee halten. Ich warte vergebens auf die angenehme Kühle des Eintauchens. Die Fragen, die hin und wieder in meinem Kopf auftauchen und sich gegenseitig die Bälle zuwerfen wollen, sind noch müder geworden mit jeder Seite. Jede innere Diskussion und Spielerei direkt im Keim erstickt, genau so wie das aktive Erinnern durch die Erinnerungspolizei. Vielleicht sollte nichts Aufkeimen, Hochkommen und tief berühren. Vielleicht wäre das für die Handlung unauthentisch.

Bibliotheksfund

Wie kann es überhaupt zu einer Gesellschaft mit Autos und Banken, Schiffen und Schriftstellern kommen, wenn mehr Dinge verschwinden, als neue Erfunden werden? Und wie können die Menschen neue Dinge erfinden, wenn stetig etwas dafür fehlen würde? Was wäre, wenn Schrauben nicht mehr existieren, Papier, Luft oder Farben? Auch das vergessen ab Zeitpunkt X gegen Ende des Buches, kam mir viel zu schnell und ging genau so rasant immer weiter. Das Buch zog sich endlos lang und warf fragen auf, wann existenzielle Dinge für wirklich ALLE Bewohner verschwinden würden. Der abrupte Wendepunkt samt seiner Auswirkungen war dann nur das i-Tüpfelchen für meinen Unmut.

Was machen Erinnerungen aus – in und vor allem für uns? Braucht die Welt ein solches Konzept, Lebewesen mit Erinnerung, um zu überleben? Und was ist mit den gespeicherten Erinnerungen im Immunsystem oder genetischen Code? Was ist mit Erinnerungen von Pflanzen? Auf die Frage danach, was (uns) Erinnerung überhaupt bedeutet, was sie ausmacht und wofür wir sie brauchen, wird in der Geschichte auch kein Fokus gelegt. Wieder ein Thema, das ich als spannend erachtet hätte.

Die Anlehnungen an Kafka und Orwell hätten für mein Empfinden deutlich stärker (ausgebaut) sein können. Dystopien leben für mich von mehr Detailreichtum, Tiefe und Struktur. Ich möchte in die Welt ganz eintauchen, ihre gesellschaftlichen und politischen Linien erkennen, die Regeln erklärt bekommen, sie verinnerlichen und mich als Teil der Bewohnergemeinschaft fühlen. Zu diesem Punkt gelange ich leider nicht, da genau das für mich im Buch viel zu kurz kommt und zu flach oder gar nicht ausgearbeitet ist/wird.

Für mich war es leider nichts. Daher gibt es von mir keine Leseempfehlung.
Das gemeinsame Lesen mit Clara hat mir hingegen unglaublich gut gefallen! Falls du dich hin und wieder auf Instagram herumtreibst, darfst du gerne einmal bei Clara (@claraliest) und natürlich auch bei mir (@bionoema_blog) umschauen. Es lohnt sich!

Ausgabe & Rechtliches

Autorin: Yoko Ogawa
Titel: Die Insel der verlorenen Erinnerung (Original: The Memory Police)
Übersetzung: von Sabine Mangold
Verlag: Liebeskind
ET // Seiten: Sep. 2020 // 352
Preis: 22€ (gebundene Ausgabe)
ISBN: 9783954381227

Diese Beitrag ist in keiner Weise beauftragt oder bezahlt. Jede Verlinkung erfolgt aus informativen und supportenden Motiven in Eigenverantwortung. Die Rechte des Buches liegen bei der Autorin und dem Verlag.

Die Bildrechte dieses Beitrags liegen bei der Betreiberin dieser Blogseite (siehe Impressum).

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