Rezension: Judith Shklar – Über Ungerechtigkeit

Philosophische und politische Abhandlungen über Begriffe von Gerechtigkeit, Glück und dem Guten gehören seit mehreren tausend Jahren zu wiederkehrenden und stets aktuellen Themen. Dabei wird aber meistens – und darauf verweist auch die Autorin Judith Shklar in Über Ungerechtigkeit (S. 29f.) – der Blick nur auf die Beschreibungen dieser drei großen G’s gerichtet. Die Philosophie beschreibt wie als Selbstverständlichkeit die Gerechtigkeit als Abwesenheit von Ungerechtigkeit, geht dabei aber nur unzureichend auf letztere ein. Gleichzeitig richtet vor allem die Kunst und Literatur ihren Fokus auf Ungerechtigkeit und Unglück. An welcher Stelle verläuft die Grenzen zwischen diesen beiden Seiten derselben Medaille?

Rezensionsexemplar

Philosophie oder Politologie?

Ähnlich wie es bei Hannah Arendt der Fall ist, fällt es mir schwer, Judith Shklar einer der beiden Seiten zuzuordnen. Diese beschränkte Grenzziehung ist allerdings auch der Anlass ihres Buches, das kürzlich im Verlag Matthes & Seitz Berlin verlegt wurde. Neu durchgesehen wurde das Werk von Hannes Bajohr, der als Übersetzer und Herausgeber von Shklars Texten fungiert und an der Universität Basel im Bereich Theorien des Digitalen und der politischen Philosophie arbeitet.

Als Kind einer jüdischen Familie floh diese gemeinsam nach dem Ausbruch den 2. Weltkrieges aus ihrer Geburtsstadt Riga, Lettland über Umwege in die USA. Dort lehrte sie später Politikwissenschaften an der Harvard University und verstarb 1992. Hannah Arendt, die als weitere große Denkerin des 20. Jahrhunderts gilt, lernte sie persönlich kennen und überlebte sie um fast 20 Jahre. Shklar ist trotz aller Parallelen hingegen im deutschsprachigen Raum weitläufig unbekannt. Der Verdienst der Auseinandersetzung mit den Werken der Autorin sind vor allem dem Herausgeber und Übersetzer Hannes Bajohr zuzuschreiben.[1] Übersetzt wurde es von Christiana Goldmann.

Erkundungen zu einem moralischen Gefühl

Ähnlich vage, wie der Untertitel des 2021 erschienen Buchs Über Ungerechtigkeit erahnen lässt, drückt sich die Politologin auch inhaltlich aus. Die Beschäftigung mit Ungerechtigkeit und Unglück, sowie der Differenzierung der beiden von einander und anderen Begrifflichkeiten, scheint ein sinnvolles und löbliches Unterfangen. „Erkundungen“, wie der Titel verrät, trifft es vermutlich aber besser, als die im Klappentext angekündigte „bahnbrechende Untersuchung“.

Das Buch widmet sich in mehreren Abschnitten dem Thema der Ungerechtigkeit. Zunächst erfolgt ein Plädoyer dafür, dass, wie bereits oben erwähnt, die Definition von Gerechtigkeit aufgrund von Abwesenheit von Ungerechtigkeit allein nicht ausreicht und welche Vorteile eine genauere Auseinandersetzung bietet. Sie thematisiert verschiedene Realisationen von ungerechten Handlungen – aktiven und passiven – und appelliert an die Pflichten der Bürger. Erst im zweiten Teil formuliert sie ihre Unterscheidung zwischen Unglück und Ungerechtigkeit anhand historischer Persönlichkeiten wie Platon und Rousseau und verflechtet darin ihre eigenen Gedanken. Allerdings nicht mit einem roten Faden, sondern für mich als Leserin eher willkürlich anmutend. Im dritten und letzten Abschnitt verwirklicht sie für mich den lesenswertesten Abschnitt über den Sinn für Ungerechtigkeit.

Wir brauchen diesen Unterschied nicht nur, um unsere Erfahrungen zu verstehen, sondern auch, um die gesellschaftlichen Gefahrenquellen, die unsere Sicherheit bedrohen, zu beherrschen und einzuhegen. (S. 13)

Opfer der Ungerechtigkeit

Der schwierige Punkt der Ungerechtigkeit ist dessen Wahrnehmung. Was passiert, wenn sich eine Person ungerecht behandelt fühlt und die andere dies nicht anerkennt/nachvollziehen kann oder will, sehen und spüren wir wahrscheinlich tagtäglich. Einerseits muss die Perspektive von Opfern von Ungerechtigkeit ernst genommen werden, andererseits sind diese aber auch nicht immer im recht oder Ausdruck ungetrübter Empfindung/Wahrnehmung. Es ist eine Gratwanderung. Nicht nur zwischen Unglück und Ungerechtigkeit, sondern auch zwischen Ausdruck, Anerkennung und den gerechten Konsequenzen. Weil wir es nicht ertragen, in einer Welt voller Willkür und Zufall zu leben, suchen wir verzweifelt immer wieder nach einer Ursache für unser Unglück – selbst bei Krankheiten – und beschuldigen uns viel zu oft viel zu leichtfertig gegenseitig.

Den Gedanken, die sie in ihrer Einleitung widergibt, kann ich bisher nur zustimmen. Sie untersucht einzelne Szenarien, die zu beachten sind. Die Perspektive von Opfern, Anerkennung, die Grenzziehung, die Optionen und den Umgang mit dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Sie verweist auf die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Ebenen und auf die Lücken, die die moderne Auffassung von Ungerechtigkeit hinterlässt.

Politisch bedeutsam wird Viktimologie, wie sie zeigt, dass der Sinn für Ungerechtigkeit demokratische Reaktionen bewirkt und dass er nicht nur vor sich hin schwelt, sondern zu neuen Institutionen führt. (S. 62)

Sie betrachtet verschiedene politische Szenarien und Staatssysteme, die bei der Beurteilung und Betrachtung von Ungerechtigkeit eine bedeutende Rolle spielen. Zusätzlich sind aber auch individuelle Emotionen, Erwartungen, Reflektion und andere Faktoren hierfür unumgänglich. Eine nähere Betrachtung dieser Aspekte wäre für mich an einigen Stellen besonders bedeutend gewesen.

Positiv hervorheben möchte ich allerdings ihren Einsatz für den Sinn für Ungerechtigkeit, den sie in jedem von uns sieht. Vor allem in Demokratien spielt er eine besondere Rolle und ist für deren Aufrechterhaltung essentiell.

Das Versäumnis, politischen Versprechen nachzukommen, schwächt eine repräsentative Regierung und nährt politischen Zynismus und politische Passivität. (S. 175)

Was auch wiederum zum Anstieg von Nichtwählern führt. An dieser Stelle habe ich mich zusätzlich gefragt, wie sich das in der aktuellen Pandemie-Situation mit Impfgegner und Querdenkern zum Ausdruck bringt.

Abtauchen in tiefere Schichten von Ungerechtigkeit?

Die bisher erwähnten und für mich sinnvollen Startpunkte ihrer Untersuchung tragen für mich allerdings in den folgenden Kapiteln kaum Früchte. Obwohl sie auf verschiedenste historische Perspektiven, Entwicklungen und Fallbeispiele auf der ganzen Welt eingeht, wirken ihre Erkundungen des moralischen Gefühls eher wie die Aneinanderreihung von Gedankenfetzen. Einzelne angeschnittene Themen wie beispielsweise die Untersuchung der Opfer und der Begriffsherleitung, sowie die Rolle passiver Ungerechtigkeit in Verbindung mit Bürgerpflichten wecken in mir großes Interesse, werden aber nicht weiter oder tiefer reichend fortgeführt. Grundsätzlich weist das Werk von Shklar viele spannende, wichtige und richtige Aussagen und Argumente auf, allerdings werden diese nicht – für mich – sinntragend miteinander verknüpft, geordnet oder zu einem großen Gefüge zusammengesetzt.

Wir benötigen Statistiken und Prognosen, um gesellschaftliche Entscheidungen zu treffen, aber wir weigern uns, ihre intellektuelle Disziplin anzuerkennen. (S. 48)

Es fühlt sich zeitweise wie ein wilder Strom an, ein vielfaches Aufblitzen von hellem Licht, dass sofort danach in den weiten des Themas untergeht. Ein vages Anschneiden und verketten philosophischer und politischer Gedanken unter dem Fokus von Gerechtigkeitssystemen, Justiz, Opfer-Täter-Konstellationen und Schuld, lassen mich etwas ratlos zurückblicken auf den gelesenen Text. Selbst für den Titel der „Erkundungen“ bleibt mir der rote Faden weitestgehend zu abwesend, als dass ich es als einen lesenswerten Einstieg in die Thematik oder Shklars Werke bezeichnen möchte. Einigen Gedankengängen konnte ich nicht wirklich folgen oder sie gar nicht erst richtig in den Kontext einordnen. Interessant, aber worauf sie hinaus wollte, blieb mir verborgen. An anderer Stelle driftet sie in Ausschweifungen über die Große Hungersnot in Irland ab, die für mich nicht wirklich nachvollziehbar erscheinen. Für mich war es das erste Buch von ihr, möglicherweise liegt auch genau da der Fehler.

Schuldfrage

Die Theorien und Konzepte, die sie in ihrem Rückblick von Platon, Aristoteles, Montaigne und Rousseau vorstellte, waren mir als philosophisch interessierte und Philosophie-studierende Person nicht unbekannt oder unschlüssig. Leider fehlte nur das Band, dass sie aussagekräftig für mich zu einem großen Ganzen verknüpft hätte. Obwohl mein erstes Buch der Autorin, hatte ich mir mehr erhofft. Lediglich die Einleitung, sowie das 3. Kapitel über den Sinn für Ungerechtigkeit, konnte ich als lesenswert verbuchen.

Möglicherweise ist dieses Werk, im gegenwärtigen Zeitgeschehen und einem Abstand von ca. 30 Jahren nicht der beste Einstieg in die Thematik oder die Texte und Gedanken der Autorin. Möglicherweise fehlt mir ihr zeitlicher Bezug oder die Texte/Forschung, auf die sie sich ggf. bezog. An wem es jetzt genau lag, ob an meinen Ansprüchen, Erwartungen oder an der Ausarbeitung der Autorin selbst, mag sich wohl nicht klären lassen.

Für mich erscheinen ihre Gedanken als ein Vorstadium von Gedanken, die uns aktuell beschäftigen. Während der Feminismus in ihren Worten nur leise mitschwingt und sich an manchen Stellen gar versteckt, sind wir gesellschaftlich heute an einem fortgeschrittenerem Zustand angelangt. Wir blicken öfter auf die Worte der Opfer, klagen an, wo wir uns oder andere ungerecht behandelt wissen, vernetzen uns über die ganze Welt hinweg und blicken auch auf Ungerechtigkeiten andernorts. Womöglich entsteht dadurch ein neuer, anderer Blick auf das Thema, der mir den Text teilweise so wirr und unstrukturiert erscheinen lässt. Vielleicht täusche ich mich auch.

Im Austausch mit Sandra Falke vom Blog Literarische Abenteuer waren wir uns über den mangelnden roten Faden, die teils fragwürdigen Aussagen und Widersprüchlichkeiten ihrer Gedankengänge allerdings sehr einig. Zumindest im Gespräch über das Werk entwickelte sich für mich ein positives Gefühl für das Buch. An dieser Stelle deshalb auch noch mal einen großen Dank an Sandra für den Vorschlag, das gemeinsame Lesen, Lachen und die Einigkeit. Es war mir ein innerliches Fest. Zu Sandras Rezension gelangt ihr über diesen Link.

Danke auch an den Verlag Matthes & Seitz für das Rezensionsexemplar. Ich habe mich dennoch sehr über die Auseinandersetzung mit dem Text und einen ersten Einblick in das Schaffen der Politologin Judith Shklar gefreut. Es wird nicht mein letztes Buch von ihr gewesen sein. Dieses war eventuell nur nicht der beste Start.

Quellen (abgerufen am 09.01.2022)

1 https://www.deutschlandfunkkultur.de/judith-n-shklar-ueber-hannah-arendt-kritik-unter-100.html

Meine Ausgabe

Autorin: Judith N. Shklar
Titel: Über Ungerechtigkeit. Erkundungen zu einem moralischen Gefühl (1. Auflage 2021)
Original: The Faces of Injustice (1990)
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Übersetzung: Aus dem Englischen von Christiana Goldmann
Herausgeber: Hannes Bajohr
ET: Nov. 2021
Seiten: 228
Preis: 25€ (gebundene Ausgabe)
ISBN: 978-3-7518-0338-0


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