Rezension: Lena Gorelik – Wer wir sind

Wenn Generationen aufeinander treffen, liegt darin eine ganz eigene Spannung und zeitgleich unstillbare Harmoniebedürftigkeit. Der Blick auf diejenigen, ohne die man gar nicht sein kann und auf diejenigen, die aus einem hervorgegangen sind, kann Welten oder Abgründe offenbaren. Wer in mehrgenerationalen Haushalten aufwuchs oder eine enge Beziehung zur eigenen Familie hat(te), kann das sicherlich gut nachempfinden. Eine ganz neue Dimension ergibt sich allerdings, wenn ein Jahrhundert Familiengeschichte umgesiedelt wird in eine ganz andere Heimat.

Ich schreibe nichts. Ich schreibe über dich, über uns. Ich schreibe uns auf, ich erzähle von mir, ich kann dich nicht weglassen, ich bin, weil ihr seid (…). (S. 19)

„Die Welten in deinem Kopf waren schon immer größer als das, was tatsächlich passiert“, sagt meine Mutter.“ (S. 146)

Wer wir sind

Lena Gorelik, geboren im ehemaligen Leningrad, heute St. Petersburg. In ihrem Roman Wer wir sind erzählt sie die autobiographisch Geschichte ihres Lebens und ihrer Familie. Ihr Aufwachsen in der Sowjetunion zwischen Tanten, Großeltern und Garten und dem anschließenden Auswandern nach Deutschland. Sie beschreiten einen Weg voller Zweifel, Nostalgie, Erinnerungen, Hilflosigkeit und Demütigung. Während die Familie und ihre Mitglieder in der ehemaligen Sowjetunion etwas war, gilt das nun alles nicht mehr. Keine Zeugnisse, keine Abschlüsse, keine Lebensläufe. Jeder versucht auf seine ganz eigene Weise mit den neuen Lebensbedingungen fertig zu werden und stößt immer wieder an Grenzen. Nicht nur an die der Gesellschaft, sondern auch an interfamiliäre. Wer bin ich, wenn ich mich entwurzle, von meiner Familie und meinem Geburtsort, meiner Kindheit? Wer bin ich, wenn mir die Sprache fehlt? Zwischen bedingungsloser Liebe, Scham und Freiheitsdrang hält sich der Mensch nur schwer zusammen.

Ich weiß immer noch zu wenig, frage immer noch nichts. Will nicht weh tun, da, wo schon Wunden sind, deren Tiefe ich nicht kenne. (S. 207)

Liebe zwischen den Welten

Lena ist 11, als sie mit ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrem deutlich älteren Bruder und ihrer Babuschka nach Stuttgart, Deutschland auswandert. Ein schwieriges Alter, auch ohne Landeswechsel. Denn Lena ist nicht nur schlau, schnell im Lernen und Denken, sondern hat auch ihren eigenen Willen und ihre eigene Weltsicht. Die Pubertät, die neue Schule und das Ankommen in einer Flüchtlingsunterkunft, in der sich alle gemeinsam ein Zimmer und mit mehreren Leuten auf dem Gang ein Bad und eine Küche teilen, machen die Situation nicht unmittelbar besser. Aus Angst und zur Sicherheit verließen sie ihre Heimat, ihre restliche Familie und ihre Erinnerungen. Bepackt mit wenigen Koffern und wertlosen Papieren. Ohne Hündin Asta, ohne Opa. Während Lena sich immer mehr zu schämen beginnt, für ihre jüdischen Wurzeln, ihre Eltern, ihre Sprache und das Essen, während sie versucht, sich einzuleben und jemand zu sein, dazuzugehören, wollen ihre Eltern nur ihr Bestes. Tun alles für sie, auch wenn Lena das nicht will. Schlucken ihre eigenen Ängste und Wunden hinunter, tragen ihre Kämpfe im Stillen, im Inneren aus. Wollen Lena eine Zukunft bieten.

Doch selbst wenn man seine Familie liebt, ist es nicht immer einfach, sie zu verstehen. Oft erkennt man die offenkundigsten Dinge nicht, weil man selbst viel zu nah vor ihnen steht. Die Sicht durch eigene Wunden, Erwartungen und den eigenen Kopf wie Milchglas getrübt ist. Der Umstand, dass zum einen aus der Perspektive eines Kindes viele Dinge, die die Erwachsenen entscheiden, nicht sinnvoll oder nachvollziehbar erscheinen und zusätzlich, dass aus einer späteren Erwachsenen-Perspektive die Situationen im Rückspiegel betrachtet deutlich einfacherer zu bewerten und zu be- oder verurteilen sind, ist eine weitere Hürde auf dem Weg, sich nicht zu verlieren. Es ist eine innere Zerreißprobe, ein stetiges wanken zwischen den Stühlen: Wer bin ich zwischen all meinen Rollen? Wer will ich sein? Wer bin ich hier und wer war ich dort? Wie soll ich gleichzeitig Mutter, Arbeitnehmerin, Schülerin, Tochter, Ehefrau und ich sein? Wann soll ich das alles sein? Und haucht immer noch der Kampf mit der Sprache eiskalt in deinen Nacken, der Sprache derjenigen, die dicht töten wollten. Die deine Familie töten wollten.

Wie die Erinnerung manchmal das Jetzt übertönt. Wie sie sich über alles legt, wie ein Dickicht aus Verletzungen, Mustern und Fragen, wie ich nicht mehr weiß, wer ich wurde und wann. (S. 10)

So viel Liebe, Worte und Wertschätzung geht zwischen den Zeilen, den Kilometern und den Sprachen verloren, dass es schmerzt. Dass man vermitteln, eingreifen und erklären will – aber es ist nicht möglich. Und dabei ist Liebe der rote Faden des Romans. Liebe zur Sprache, zur eigenen Familie, zu sich selbst und zu den Geschichten – zur eigenen Geschichte. Liebe, die all diese Abgründe, Differenzen und Distanzen überwindet, den Winter und die Sprachlosigkeit überlebt. Die die Leere des Verlorenen im Herzen füllt, die den Boden unter den Füßen aufrechterhält. Die dich am Leben hält, wenn du dich selbst nicht mehr lieben kannst. Die dich im Leben verankert.

Erst als die Freuden sich in Selbstverständlichkeiten verwandelt haben, fängt die Erinnerung an alles Verlorene zu schmerzen an. Für Tränen ist es dann zu spät, es ist irgendwie alle zum eigenen Leben geworden. (S. 69)

Manchmal dauert es Jahre, bis wir uns selbst und unsere Rolle erkennen können. Bis wir unsere Eltern verstehen, sie ganz akzeptieren und uns nicht mehr schämen. Bis sich etwas negatives zu Wertschätzung entwickeln kann, zu Verständnis und Akzeptanz. Manchmal heilt Zeit keine Wunden, aber zumindest kann sie die Narben sanft zudecken, lindern. Wo beginnt die Wahrheit zwischen der Diskrepanz meiner Erinnerung und dem Erinnern der anderen?

Berührung

Ich erkenne mich immer wieder. Zwischen den Zeilen, in den Beschreibungen und Diskussionen in meinem Seminar über Identität im Gegenwartsroman, für das ich das Buch gemeinsam mit anderen Studentinnen lesen durfte. Ich kenne das Gefühl der Fremdheit in einer anderen Gesellschaft, das Nicht-Dazugehören, das Zurückgeworfen- und Nicht-Anerkannt-Werden. Ich kenne die Abschätzigen Blicke, den Weltenwandel, die Verlust von Menschen und Erinnerungen, von Kindheit. Ich kenne die Wunden, die niemals heilen und die Kluft zwischen den Generationen. Die Demenz, die Wertlosigkeit von Papieren, das Bangen und die Hoffnungslosigkeit. Ich kenne die bedingungslose Liebe, die Enge der Familie – im guten, wie im schlechten – das Stillhalten, Nicht-Auffallen. Die Bloßstellung, die Demütigung und das Streben nach oben, raus aus der vorgegebenen Schicht. Den Freiheitsdrang und das Zweifeln an einem Selbst.

Beinahe alle Gegenstände in diesem Schrank sind schwarz-weiß, es gibt wenig Farbe. Die meisten habe ich aus meiner Kindheit mitgebracht. Als sei danach nicht mehr viel passiert. Alle, was später kommt, ist ein Danach, ein Daraus.“ (S. 27)

Ich finde mich, unsere Geschichte und meine Familie an vielen Punkten wieder, ohne, dass wir aus einem Land vertrieben wurden, ohne religiösen Hintergrund. Es schmerzt mich zwischen den Zeilen, ihre Verletzungen und meine. Es berührt mich tief, dass sie es schafft, trotz der gesellschaftlichen und familiären Differenz auch mich widerzuspiegeln. Vielleicht liegt es am Aufwachsen in den neuen Bundesländern, der Familie, die in Russland studierte, den russischen Bekannten von früher. Am Studieren im reichen und ganz anderen Stuttgart. Vielleicht liegt es auch einfach an der Konstellation, der Nähe und gleichzeitigen Flucht. Daran, dass man selbst sein will, ohne die anderen, aber nicht ohne sie kann. Dass ich alles sein will, ganz für mich allein, aber nur bin, weil sie sind. Nicht ich bin, ohne sie.

Ich renne ihnen voraus, aber blicke zu selten zurück, um zu sehen, ob sie nachkommen. Was sagen sie dann – dass ich zum weißen Menschen geworden bin, möglicherweise? Sie sind für mich hergekommen, für uns Kinder, und das haben sie nun davon. Dass die Kinder alles dafür tun, um nicht mehr die ihren zu sein. (S. 180f.)

Ich blicke zurück und stelle fest, dass bereits jetzt so vieles verloren ist. Meine Großmutter erinnert sich kaum an den Wochentag, oder ob wir heute miteinander gesprochen haben. Wie viel von dem, was von ihrer Familie noch ihr schlummert, kann sie noch in Worte fassen? Wie viel davon ist schon so verschwommen, dass es nicht mehr wahr ist? Wer ist sie, außerhalb ihres Daseins als Mutter und Großmutter, in deren Rolle ich sie immer nur kannte? Wer war sie als Ehefrau? Mit jedem Mal in der Heimat, wird mir der Verlust mehr bewusst. Das Vergessen der Familiengeschichte, weil wir nicht darüber reden, weil so viele vor meiner Geburt starben, dass ein Erinnern schwer wird. Wie wird meine Mutter sein, wenn ich in ihrem Alter bin und werde ich dann wertschätzender sein?

Seit ich Wer wir sind gelesen habe, frage ich mich immer wieder all diese Fragen. Wer sind wir? Wer bin ich und wie hängen wir alle miteinander zusammen? Und wie viel von mir steckt in den anderen Mitgliedern meiner Familie?

Die Autorin stellt zugleich die wichtigen Fragen und stellt sie doch nicht. Sie fragt nach der Existenz, nach Trauer, Erinnerung und dem Sein. Nach der Konstellation der Dinge, nach ihrem Wesen und Zusammenhalt. Sie stellt philosophische Fragen nach dem Leben und dem Leben danach und davor. Sie sieht den Prozess und die Veränderung und vermag sie nicht zu greifen, nicht damit zu arbeiten. Es ist der Kreislauf der Lebens der uns bisweilen in uns selbst gefangen hält und bei allem guten Willen nicht handeln lässt.

Dankbarkeit

Ich bin dankbar dafür, dieses Buch zu dieser Zeit und an diesem Ort gelesen zu haben. Es hat mich tief berührt, auch wenn der Einstieg zunächst etwas holprig war. Lena Gorelik schreibt ganz eigen, so eigen wie auch Lena im Roman auf mich wirkt. Mit ihrem eigenen Kopf, ihren eigenen Gedanken – irgendwo zwischen Wahrheit und Fiktion. Ein Sammelsurium von Geschichten, Gefühlen, Schmerzen und Verlust. Zwischen Ankommen und Verlorensein. Ich habe es geliebt, ich bin darin versunken, habe mich verloren und wiedergefunden. Habe mitgefühlt und mich treiben lassen. Geweint, gelacht und gebangt.

Ich kann es nur wärmstens von Herzen empfehlen. Allein das Lesen meiner Notizen zum Buch haben mich erneut in den Sog des Romans gezogen und innerlich berührt. Es ist herzerwärmend, schmerzhaft, ehrlich, authentisch und aufwühlend.

Meine Ausgabe

Autorin: Lena Gorelik
Titel: Wer wir sind
Verlag: Rowohlt
ET: 18.05.2021
Seiten: 320
Preis: 22,00€ (gebundene Ausgabe)
ISBN: 978-3-7371-0107-3

Dieser Beitrag ist in keiner Weise vergütet oder beauftragt. Alle Rechte liegen beim Verlag und der Autorin.
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1 Kommentar zu „Rezension: Lena Gorelik – Wer wir sind“

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