Matt Haig – Die Mitternachtsbibliothek







Bereits 2020 erschien das englische Original The Midnight Library von Matt Haig. In Deutsch ist das Buch seit Februar 2021 im Buchladen um die Ecke erhältlich. Dabei hat sowohl das Original als auch die deutsche Übersetzung auf Social Media und in vielen Zeitschriften/Zeitungen (u.a. New York Times- und Spiegel-Bestseller)[1,2] Wellen geschlagen.

Aber worum geht es in diesem Buch, dass anscheinend so viele Menschen in der englisch- und deutschsprachigen Welt bewegt?

Rezensionsexemplar

Inhalt
Zunächst sollte an diese Stelle eine Triggerwarnung ausgesprochen werden. Die Mitternachtsbibliothek beinhaltet die Themen Depressionen, Suizidversuch, Tod, Drogen-/Alkoholabhängigkeit und toxische Beziehungen.

Nora Seed ist 35 Jahre alt und irgendwie kann sie in ihrem Leben nirgendwo richtig Fuß fassen. Ihre Eltern sind bereits verstorben, mit ihrem Bruder hat sie sich zerstritten. Als sie am Abend ihren geliebten Kater Volts tot am Straßenrand findet und ihr tags darauf ihr langjähriger Job gekündigt wird, ist Nora mit ihren Kräften und ihrer Hoffnung am Ende. Wie viele Schicksalsschläge (v.a. an einem Tag) kann ein Mensch, der bereits zuvor von Kummer und depressiven Phasen gezeichnet wurde, in wenigen Tagen erleiden und ertragen? In ihrer Verzweiflung versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Aber hinter ihrer Tat erwartet sie nicht der Tod mit offenen Armen, sondern eine riesige Bibliothek samt (altbekannter) Bibliothekarin und diese eröffnet ihr, dass sie in all den Buchreihen ihre möglichen Lebensmodelle vorfindet. All diese Leben gehören zu ihr, sind Nora und sie kann sie leben. Nora muss sich lediglich entscheiden, welches Leben sie sich wirklich aus tiefstem Herzen wünscht. Das sollte ja in so einer verzweifelten und unglücklichen Situation, in der Nora sich zuletzt befand, gar nicht so schwer sein, oder? Alles wäre besser, als die aktuelle Lebenslage…

Meine Meinung
Vorweg: Diese Rezension beinhaltet Spoiler.
Vor allem durch die vielen positiven und empfehlenden Meinungen zur Mitternachtsbibliothek bin ich auf das Buch aufmerksam geworden. Die Story klang spannend und ich erhoffte mir Fragen über das Leben, was es ausmacht und wohin Noras Reise uns mitnehmen wird. Welche Entscheidung wird sie für sich und ihr Leben treffen?
Aber ich wurde mit Nora einfach nicht warm. An viel zu vielen Stellen zeigte sie sich mir nicht wie eine Philosophie-studierte Mittdreißigerin, wohlgemerkt mit Schwerpunkt Existenzphilosophie, sondern wie Anfang 20, gerade volljährig geworden. Sie ist trotzig, sie ist für mein Empfinden oft schwer von Begriff und sie strebt nach den vergänglichen und z.T. ihr vorgesetzten Werten der Welt: den Träumen anderer, Karriere, Erfolg und Ruhm. Sie begreift sich viel zu lange nicht selbst, sieht sich immer nur aus den Augen anderer und ist orientierungslos. Ich will nicht abstreiten, dass wir nicht alle eine kleine Nora Seed in unseren Köpfen und/oder Herzen tragen, von Zeit zu Zeit chaotisch umherwuseln, ohne Ziel, ohne Verstand und nicht wissen wohin mit uns und unserem Leben. Das macht jeder Mensch in seinem Leben wahrscheinlich mindestens einmal durch. Aber Nora sollte so vieles besser wissen und anders handeln. Ihre Charaktereigenschaften und Fähigkeiten passen für mich einfach nicht mit ihren Handlungen zusammen. Wer Philosophie studiert, stapft in der Regel nicht so naiv und trotzig durch die Welt, beschäftigt sich mit Existenz, Freiheit, dem Sinn des Lebens. Ganz gleich, ob er diesen findet, ob er zu sich findet, aber er geht mit anderen Voraussetzungen durch die Welt und trifft Entscheidungen aufgrund anderer Überlegungen. Bei Nora sehe ich davon eher wenig. Das einzig Philosophische sind die krümelhaft eingestreuten Philosophie-Zitate, die für mich meist auch nicht aussagekräftig genug sind und keinen Mehrwert aufzeigen. Abseits meiner Kritik an ihrem Philosophinnen-Dasein, stellt sich der Roman für mich als zu seicht und gleichzeitig zu extrem dar. Während Nora zwischen toxischem Ex-Partner, Träumen, die ihre Mitmenschen ihr überstülpen, Welttourneen und in Gletschern umherstreift, sterben in fast jedem ihrer Bücher Menschen oder sind kurz davor. Obwohl Nora mehrfach als seit vielen Jahren depressiv beschrieben wird, nimmt Matt Haig und auch keine seiner Figuren in irgendeiner tieferen Form das Problem auf oder bespricht es. Der Selbstmordversuch wird lächelnd unter den Teppich gekehrt und auch sonst wird alles mit rosa Feenstaub bepudert.
Nora Seed scheint ein Ausnahmetalent zu sein. Hätte sie sich nur anders entschieden, hätte sie alles werden können (soweit, so gut). Aber: Olympia-Schwimmerin, Musikstar, berühmte Gletscherforscherin (was für ein Beruf…), Philosophie-Dozentin und Buchautorin…? Nicht, dass ich ihr das nicht zutraue. Jeder von uns hat die Möglichkeiten, viele verschiedene Lebensentwürfe in seiner Zeit auf der Erde zu verwirklichen. Wir können unsere Hobbys zum Beruf machen, den Job wechseln, quereinsteigen, im Eltern-Dasein aufgehen, auswandern u.v.m. Aber wir sind alle Menschen. Wir können in der Regel nicht mehrere Dinge in herausragender Qualität, geschweige denn, dass wir alle erfolgreich in den Top 100 der Bereiche ankommen. Das funktioniert auch gar nicht. Ich habe oft das Gefühl, dass der Autor die Figur der Nora nur benutzt, in dem er sie alles erdenklich möglich werden lässt; soziale und gesellschaftliche Milieus abklappert: Musik, Wissenschaft, Auswanderin, Sport, Altruistin, Mutter, Autorin, Dozentin, Pub-Besitzerin. Was ist mit einem Leben als Buchhändlerin, in Anstellung? Diese Leben werden nur kurz am Rande erwähnt, als „ausprobiert“ abgestempelt, aber sind anscheinend nicht erzählenswert. Und obwohl Nora all den Erfolg und Ruhm in einer der Paralleluniversen erreicht hat, bleibt sie meist nicht lang in diesen Leben. Weil sie undiplomatisch als die eigentliche Nora in die Welt der anderen mit vollem Anlauf springt. Sachen erzählt, die in diesem ausgewählten Leben gar nicht stattfanden, die anderen Figuren ausquetscht und sich wie in einem Möbelhaus für andere Leben benimmt: Probesitzen, in andere Welten hereinplatzen mit seinem eigenen Anliegen, sich nur nehmen, was für einen selbst am Besten ist. Ohne Rücksicht auf die Leben ihrer Mitmenschen, die in dieser Parallelleben auch andere Entscheidungen getroffen und Schicksale erlitten haben.

Fazit
Ich glaube, die Mitternachtsbibliothek ist ein Art „Wohlfühlbuch“ – und das ist leider nicht mein Genre. Für mich beinhaltet es zu viel künstliche Konstruktion, flache und extreme Charaktere, zu seichte Abhandlungen von schwerwiegenden Themen wie Depressionen und Suizid(versuch), zu wenig Neues und zu wenig Philosophisches. Es mag für viele eine gute Mischung darstellen, die leichte Sprache lässt einen schnell hineinkommen. Gegen Ende wird die Geschichte auch stetig besser und es kommt, wer hätte es gedacht, natürlich zu einem Happy End, das für mich auch absehbar war und die einzige Lösung der Problematik darstellt. Aber es holt mich nicht ab. Es hinterfragt zu wenig, es kritisiert zu wenig und es beschäftigt sich zu wenig mit der Tiefe der menschlichen Last: dem Sinn und Ziel, der Erfüllung des eigenen Lebens. Matt Haig produziert für mich zu viele logische Lücken und/oder Fehler, die meine Leselust, das Hineinfühlen und die Spannung minderten und mich nach dem Lesen ein wenig ratlos zurückgelassen haben.

Der „gute Durchschnitt“ der Themen und die Quintessenz des Buches erreichen einen Querschnitt der Bevölkerung in der heutigen industrialisierten Welt. Er gibt Einblicke in ein „Was wäre wenn“ unserer Lebensentwürfe, das Bereuen und die Selbstreflektion: über meine Entscheidungen und das eigene Glück. Und der Hauch von Allem, macht das Buch wahrscheinlich so erfolgreich – mich aber nicht glücklich. Ich denke dennoch, dass es eine gute Unterhaltung – sofern mit Triggerwarnung versehen – sein kann und durchaus den/die Leser*innen begeistern und mitnehmen kann auf eine Reise durch die Lebensentwürfe der Nora Seed. Nur für mich war es leider nichts nachhaltiges. Ich hatte mir ein wenig mehr Tiefe erhofft.

Mit der lieben Wiebke von www.mehralseinbuch.com habe ich das Buch gemeinsam gelesen und besprochen, was uns bewegt und gestört hat. Ihren Leseeindruck und unser Buchgespräch könnt ihr ab dem 28.05.21 auf ihrem Blog nachlesen. Schaut gerne bei ihr vorbei: es lohnt sich so oder so!
(Sie hat auch unter demselben Namen einen tollen Account bei Instagram.)

Meine Ausgabe, Quellen
Ich danke dem Verlag Droemer Knaur für das Rezensionsexemplar. Die Buchvorstellung ist davon abgesehen unentgeltlich.
Matt Haig: „Die Mitternachtsbibliothek“. Droemer Verlag in dt. Erstausgabe Februar 2021.
ISBN 978-3-426-28256-4

[1] https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/ID147633507.html (abgerufen am 13.05.21)
[2] https://www.spiegel.de/kultur/bestseller-buecher-belletristik-sachbuch-auf-spiegel-liste-a-458623.html (abgerufen am 13.05.21)

Weiterführende Rezensionstipps
Der Monatslese-Podcast von Anne Sauer und Tina Lurz hat in Folge 9 ebenfalls das Buch besprochen:
https://open.spotify.com/embed/show/3YTLwbLHq2kr4A4SvGpnA2

2 Kommentare zu „Matt Haig – Die Mitternachtsbibliothek“

  1. […] Jule studiert Philosophie. Das ist ein praktischer Zufall. Schließlich ist die Romanheldin aus „Die Mitternachtsbibliothek“ ebenfalls Philosophin mit einer Vorliebe für existenzialistische Zitate. Jule schätze ich für ihre nachdenklichen und ehrlichen Texte. Auf ihrem Blog gibt es Buchtipps zu philosophischen Themen und Gegenwartsliteratur. (Hier geht’s zur Rezension auf Jules Blog.) […]

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